Die Schwurbel-Hall-of-Fame
Von Chlorbleiche bis Edelsteinstaub – warum manche Zutaten einfach nicht verschwinden
Es war ein ganz normaler Tag in unserem Ladengeschäft, als ein Mann hereinkam und erzählte, er stelle mit seiner Frau selbst Kosmetik her – nur DIY, versteht sich. Soweit, so vertraut. Was dann folgte, hat mich zunächst ratlos und hinterher ziemlich nachdenklich zurückgelassen.
Nach etwa zwanzig Minuten – ich kürze ab – landeten wir bei CDS und CDL als angebliche Konservierer. Ich kannte die Begriffe nicht. Er murmelte: „Chlordioxid ..." Ich kannte es immer noch nicht. Dann kam Methylenblau, dann Vitamin C in Kombination damit, dann irgendetwas über die elektrische Spannung in Körperzellen. Ich antwortete brav und fachlich: Ich verwende Phytocyanblau aus der Spirulina, Vitamin C in der stabilen Form als Natriumascorbylphosphat – und so weiter.
Ein wenig neugierig war ich ja nun schon, und dann, beim Googeln, wurde mir klar, was da passiert war: Ich hatte einem Verschwurbler mein Ladengeschäft als Bühne überlassen. Arglos, gutgläubig, fachlich korrekt – und trotzdem irgendwie eingeseift. Den Schuh muss ich mir natürlich nicht anziehen. Aber es ärgert mich. Denn es wird mehr. Und jetzt ist es auch in unserem Laden angekommen.
Willkommen in der Schwurbel-Hall-of-Fame. 🏆
Die Kandidaten
Mein Besucher war kein Einzelfall. Im Internet und auf allen möglichen Kanälen kursieren diese Zutaten munter weiter – mal als Geheimtipp, mal als "das, was die Industrie nicht will, dass du es weißt". Was sie eint: Der wissenschaftliche Beleg fehlt, die Risiken werden kleingeredet, und die Überzeugung der Anhänger ist oft umgekehrt proportional zur Datenlage. Hier sind die Kandidaten – unsere persönliche Hall of Fame of Schwurbel:
1. Gefährliche Chemikalien im Wellness-Gewand
CDS, CDL & MMS – Bleichmittel als Heilmittel
CDS, CDL und MMS sind Chlordioxid-Lösungen – dasselbe, was zur Trinkwasseraufbereitung und Textilbleiche eingesetzt wird. In der Kosmetik oder gar als innerliches „Heilmittel" sind diese Substanzen nicht nur wirkungslos, sondern gefährlich. Die Behörden warnen seit Jahren; verkauft wird trotzdem, gerne als universelles Wundermittel gegen alles von Malaria bis Krebs 😏.
DMSO – der gefährliche Türöffner
DMSO (Dimethylsulfoxid) ist ein starkes Lösungsmittel aus der Holzindustrie, das Zellmembranen durchdringt wie kaum eine andere Substanz. Genau das macht es so riskant: Es schleust einfach alles, was auf der Haut ist – und eben auch Schadstoffe – direkt in den Körper. Als kosmetischer Wirkstoff ist es nicht zugelassen, als "Verstärker" für Schwurbelrezepturen leider beliebt.
Methylenblau – Industriefarbstoff trifft Gesichtscreme
Methylenblau ist ein synthetischer Farbstoff, der in der Medizin in sehr spezifischen, kontrollierten Situationen eingesetzt wird. In der Kosmetik hat er nichts verloren – die postulierten Anti-Aging-Effekte sind wissenschaftlich nicht belegt, die Risiken bei unkontrollierter Anwendung – darunter Methämoglobinämie (das Blut kann keinen Sauerstoff mehr transportieren) und das lebensbedrohliche Serotonin-Syndrom bei Interaktion mit Medikamenten – dagegen schon.
Borax – verboten, aber hartnäckig
Borax (Natriumtetraborat) wird unter anderem als Schädlingsbekämpfungsmittel (mehr muss man eigentlich nicht sagen, oder?) verwendet und ist in der EU als Kosmetikinhaltsstoff seit 2010 verboten. Es ist reproduktionstoxisch, d. h., Borax kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und zu Missbildungen sowie Schäden am Fötus führen. Das hält die DIY-Kosmetik-Community nicht davon ab, ihn munter "als natürlichen Emulgator" zu empfehlen. Brrrr!

2. Spektakuläre Nebenwirkungen inklusive
Kolloidales Silber – der Schlumpf-Effekt
Kolloidales Silber wird als Allheilmittel gegen Bakterien, Viren und Pilze angepriesen – und tatsächlich hat Silber antimikrobielle Eigenschaften. Das Problem: Bei regelmäßiger Einnahme oder Anwendung lagert sich Silber unwiderruflich im Gewebe ab. Die Haut verfärbt sich dauerhaft blaugrau – ein Zustand namens Argyrie, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Wer das nicht glaubt: einfach mal "Schlumpf-Mann" googeln. Der Mann war früher nicht blau ...🫐
Schwarze Salbe – wenn das „Heilmittel" Löcher hinterlässt ⚠️
Schwarze Salbe (Black Salve) enthält Zinkchlorid und Blutwurz – eine ätzende Kombination, die Gewebe zerstört, ohne zwischen gesundem und krankem Gewebe zu unterscheiden. Sie wird als „natürliche" Behandlung für Hautkrebs vermarktet. Was sie tatsächlich tut: Sie frisst sich durch die Haut. Wer sehen möchte, was das bedeutet – abgefallene Nasen und offene Schädelknochen inklusive –, findet in der medizinischen Literatur reichlich Dokumentation [1], [2]. Achtung: Die dort gezeigten Bilder sind nichts für schwache Nerven!
3. Esoterische Wunschdenker
Frequenz-, levitiertes & strukturiertes Wasser – H₂O mit Einbildung
Wasser ist Wasser. Die chemische Formel H₂O ist seit 1805 bekannt und hat sich seitdem nicht verändert. „Levitiertes", „strukturiertes" oder „frequenzbehandeltes" Wasser ist eine Marketingerfindung ohne jede wissenschaftliche Grundlage – die angeblichen Strukturen lösen sich in Millisekunden auf, lange bevor sie irgendetwas in der Haut bewirken könnten. Der Aufpreis landet nicht auf der Haut, sondern beim Anbieter 💰.
Spagyrische Essenzen – Alchemie trifft Instagram
Spagyrik ist eine alchemistische Methode aus dem 16. Jahrhundert – entwickelt von Paracelsus, zu einer Zeit, als man noch nicht wusste, was Atome sind (und vieles andere auch nicht). Die Idee: Pflanzen werden verbrannt, die Asche wieder aufgelöst und mit Destillaten vereint, um ihre „Lebenskraft" zu konzentrieren. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz, das ist einfach Unsinn. Schön verpackt, gut fotografiert – aber eben Alchemie.
Bachblüten-Extrakte – Homöopathie für die Haut
Ob Bachblüten, Globuli, oder Schüßler-Salze: Eine Creme mit diesen Zutaten ist genauso gut oder schlecht wie eine Creme ohne diese Zutaten. Die Zutaten sind komplett wirkungslos.
Diamanten- & Edelsteinpulver – teuer, wirkungslos, glitzernd
Diamantpulver in der Creme klingt luxuriös. Es ist auch teuer. Was es auf der Haut tut? Nichts Nachweisbares – Diamant ist chemisch inert, reagiert mit nichts, dringt nirgendwo ein. Edelsteinpulver generell: dasselbe Prinzip. Wenn also Diamanten und Edelsteine auf der Haut, dann bitte gerne in Edelmetalle eingefasst und zum Umhängen oder Tragen an Fingern und Ohrläppchen 😜.
Fazit
Das war sie also, unsere persönliche Hall of Fame des Schwurbels – von Bleichmittel im Wellness-Gewand über blaue Männer und ätzende „Heilsalben" bis hin zu alchemistischen Essenzen und diamantbestäubten Luftnummern.
Warum verschwinden diese Zutaten nicht, obwohl Behörden warnen, Studien fehlen und manche davon schlicht verboten sind? Weil Angst vor „Chemie", Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und das Versprechen einer einfachen, „natürlichen" Wahrheit ein mächtiger Cocktail sind – und weil das Internet Mythen schneller verbreitet, als Fakten sie einholen können.
Dabei braucht es keinen Schwurbel. Für alles, was eine gute Kosmetikformulierung braucht – Konservierung, Emulgierung, wirksame Pflanzenextrakte, hautidentische Fettsäuren – gibt es wissenschaftlich belegte, vielfach in BIO-Qualität verfügbare und für Naturkosmetik zugelassene Alternativen 🌿. Gute Kosmetik ist keine Glaubensfrage und Aufklärung ist kein Angriff. Es ist ein Angebot 🫶!
Literatur
[1] Borkens Y. Black Salve (or escharotics). A picture about an unorthodox medical preparation in oncology. Skin Health Dis. 2023 May 9;3(3):e241. doi: 10.1002/ski2.241. PMID: 37275421; PMCID: PMC10233163.
[2] Ong, N., Sham, E., & Adams, B. (2014). Use of unlicensed black salve for cutaneous malignancy. Medical Journal of Australia, 200(6), 314. https://doi.org/10.5694/mja14.00041 Volltext-Ansicht auf MJA.com.au

2 Kommentare
Dankeschön – für diesen informativen, leichtzulesenden Text, gewürzt mit einer feindosierten Prise Humor und Selbsterkenntnis. Es grüßt Birgit
:-)
Was es nicht alles gibt :-), schlimm. Vielen lieben Dank für die humorvolle Aufklärung.
Liebe Grüße, Helga