Ständer mit Reagenzgläsern mit pastellfarbener Füllung und mit Kräuterstängeln in klarer Flüssigkeit

Werbung vs. Wahrheit — was wirkt wirklich?

Gehypte Kosmetikwirkstoffe im Check

Ob im Drogeriemarkt, in der Luxusparfümerie oder im Teleshopping: Kosmetikprodukte versprechen heute Wunder. Die Versprechen klingen wissenschaftlich, die Preise sind oft astronomisch. Aber was steckt wirklich dahinter? Wir haben uns einige der aktuell gehyptesten Wirkstoffe genauer angeschaut.

Was uns die Werbung verspricht ...

Wie haben für euch mal ein bisschen im Netz gestöbert und folgende Werbeaussagen gefunden:

  • Eine Schweizer Luxusmarke bewirbt ihr "Epigen 9 Verjüngungsserum" — stolze 720 € für 40 ml — mit "NAD+ Wiederauffüllung“ und verspricht, die Haut erscheine "bis zu 6 Jahre jünger in 14 Tagen und 9 Jahre jünger in 90 Tagen"¹.
  • Eine "Kollagen Lifting Creme" setzt auf den „Sofort Lifting-Effekt mit extra starkem Kollagen“. 
  • Und eine eigentlich für ihre Natürlichkeit bekannte (Naturkosmetik-) Marke erklärt unter der Überschrift "Was sind Präbiotika" kurzerhand, die WHO definiere Probiotika als "lebende Mikroorganismen, die dem Menschen gesundheitliche Vorteile biete" — ein kleiner Unterschied, der beim Lesen leicht untergeht.

¹ Alle zitierten Werbeaussagen wurden unverändert aus den Originalveröffentlichungen der jeweiligen Hersteller bzw. Produktangeboten entnommen.

... und was die Stoffe wirklich können

Klingt alles sehr überzeugend 😏. Aber schauen wir mal genauer hin. Diese Wirkstoffe haben wir für euch unter die Lupe genommen🔍:

  1. Kollagen
  2. Niacinamid
  3. Stammzellen
  4. Hyaluronsäure
  5. Präbiotika
  6. Bakuchiol
  7. NAD+
  8. Ceramide


Kollagen

Kollagen ist das wichtigste Strukturprotein unserer Haut — zuständig für Festigkeit und Elastizität.  Das Problem: Kollagenmoleküle sind schlicht zu groß, um die Hautbarriere zu durchdringen. Sie bleiben auf der Oberfläche liegen, spenden dort etwas Feuchtigkeit — und das war's. Ein "Sofort Lifting-Effekt" ist biochemisch nicht möglich. Übrigens: Auch als "Trinkfläschchen" ist Kollagen nutzlos, es wird einfach bei der Nahrungsaufnahme verdaut 😏.

Und jetzt müssen (nicht nur) Vegetarier ganz stark sein: Kollagen wird aus Schlachtabfällen gewonnen, überwiegend vom Schwein oder Rind ... 😶. Ein pflanzliches Kollagen gibt es nicht – wenn Hersteller von "veganem Kollagen" sprechen, ist das ein Phantasiename, hinter dem sich meist eine Mischung verschiedener Aminosäuren verbirgt. Fazit: ❌ Hype ohne Wirkung

 

Niacinamid

Chemische Strukturformel von Niacinamid mit Kreide auf eine Schiefertafel gemalt

Niacinamid — auch bekannt als Vitamin B3 — gehört zu den am besten erforschten Wirkstoffen der modernen Kosmetik. Es reguliert die Talgproduktion, stärkt die Hautbarriere, wirkt entzündungshemmend und kann Hyperpigmentierungen aufhellen. Niacinamid ist gut hautverträglich, stabil in Formulierungen und wirkt bereits in Konzentrationen ab 2–5 %. Kurz: einer der wenigen Wirkstoffe, bei dem die Wissenschaft mit der Werbung tatsächlich übereinstimmt. Fazit: ✅ Wirkt wirklich

 

Stammzellen

Stammzellen klingen nach Hightech-Medizin —  dort gehören sie hin und erfüllen einen Nutzen. In der Kosmetik hingegen ist der Begriff einfach irreführend: Stammzellen sind lebende Zellen — in einer Creme sind sie schlicht tot. Das, was sie so besonders macht — nämlich die Fähigkeit, in andere Zellen auszudifferenzieren, ist damit definitiv futsch. Tatsächlich handelt es sich um Pflanzenextrakte — meist aus Apfel-, Rosen- oder Meerespflanzen.  Nichts Schlechtes, aber von Stammzellen so weit entfernt wie ein Brühwürfel von einer Milchkuh. 

Ein besonders charmantes Beispiel: Eine Creme wirbt mit "1 Million maritimen Stammzellen je Gramm". Ein Blick in die INCI-Liste verrät: Es handelt sich um Crambe Maritima Leaf Extract — einen Extrakt aus Meerkohl, an Position 16 der Zutatenliste. Deutlich davor, auf Position 10: Dimethicone [= Silikon] — wo das samtige Finish nach Anwendung der Creme herkommt, ist klar, oder? Fazit: ❌ Hype ohne Wirkung

 

Hyaluronsäure

zwei blaue Ebenen übereinander, die vordere wie ein hellblaues Gel mit einzelnen Tropfen, Feuchtigkeit symbolisierend; im Hintergrund die Andeutung einer chemischen Strukturformel

Hyaluronsäure ist ein körpereigener Stoff, der in der Haut natürlicherweise vorkommt und Feuchtigkeit bindet — bis zum Tausendfachen seines eigenen Gewichts. Soweit, so beeindruckend. In der Kosmetik kommt es jedoch auf eine entscheidende Frage an: die Molekülgröße. Hochmolekulare Hyaluronsäure bleibt an der Hautoberfläche und wirkt dort als Feuchtigkeitsspeicher — das ist sinnvoll und gut belegt. Niedermolekulare Hyaluronsäure kann tatsächlich tiefer in die Haut eindringen und dort wirken.

Gute Produkte kombinieren beide. Wer also auf Hyaluronsäure setzt, liegt nicht falsch — sollte aber wissen, dass "Hyaluronsäure" nicht gleich "Hyaluronsäure" ist. Fazit: ✅ Wirkt wirklich — wenn die Formulierung stimmt

 

Probiotika / Präbiotika

Hier lohnt sich zunächst ein Blick auf die Begriffe: Probiotika sind lebende Mikroorganismen — Bakterien, die dem Menschen nützen, wenn sie in ausreichender Menge aufgenommen werden. Präbiotika hingegen sind Nährstoffe, die diese Bakterien füttern. Beides hat im Darm seine Berechtigung.

In einer Creme? Eine andere Geschichte. Lebende Bakterien in einem Kosmetikprodukt zu stabilisieren ist schlicht nicht möglich (und wer will schon was "Lebendes" in seiner Creme haben ... 😶) — und tote Bakterien sind weder pro- noch präbiotisch. Was Hersteller tatsächlich verwenden, sind meist Pflanzenextrakte oder Zuckerverbindungen, die als "präbiotisch" vermarktet werden. Die Wirkung auf das Hautmikrobiom ist nicht belegt. Fazit: ❌ Hype ohne Wirkung

 

Bakuchiol

Blüte der Babchi-Pflanze, aus der Bakuchiol gewonnen wird.Bakuchiol ist ein sekundärer Pflanzenstoff aus dem Samen der Babchi-Pflanze (botanisch Psoralea coryli-folia; INCI: Bakuchiol). In klinischen Studien [1] konnten die Anti-Aging-Effekte von Bakuchiol belegt werden: Faltentiefe und Hyperpigmentierung wurden signifikant verbessert. Die Wirkung ist mit der von Retinol (Vitamin A) vergleichbar — Zellerneuerung, Verbesserung von Fältchen, gleichmäßigeres Hautbild —, jedoch hat Bakuchiol eine deutlich bessere Hautverträglichkeit. Es ist für alle Hauttypen geeignet. Bakuchiol ist 100% natürlich und vegan. Fazit: ✅ Wirkt wirklich

 

NAD+

NAD+ (Nicotinamidadenindinukleotid) ist tatsächlich eine faszinierende Substanz: ein Coenzym, das in jeder Körperzelle vorkommt und eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel spielt. Mit zunehmendem Alter sinkt der NAD+-Spiegel — das ist wissenschaftlich belegt und Gegenstand ernsthafter Forschung.

Das Problem: Damit NAD+ wirken kann, muss es in die Zelle. Und genau das schafft es aus einer Creme heraus nicht — das Molekül ist schlicht zu groß, um die Hautbarriere zu überwinden. Auch die als Vorläufermoleküle beworbenen Substanzen NMN und NR lösen das Problem nicht: In der Creme scheitern sie an derselben Hürde. Fazit: ❌ Hype ohne Wirkung

 

Ceramide

Im Labor: zwei Gläschen mit Serum

Ceramide sind Lipide — Fettmoleküle — die natürlicherweise in der Hautbarriere vorkommen und dort eine zentrale Aufgabe erfüllen: Sie halten die Hautzellen zusammen wie Mörtel die Ziegelsteine und verhindern so den Feuchtigkeitsverlust. Mit zunehmendem Alter und durch äußere Einflüsse wie trockene Luft oder aber auch zu aggressive Reinigungsprodukte nimmt der Ceramidgehalt der Haut ab. Topisch, mit einer Creme, aufgetragene Ceramide können diese Lücken tatsächlich auffüllen und die Barrierefunktion nachweislich stärken. Fazit: ✅ Wirkt wirklich

 

Unser Fazit auf einen Blick

Wirkstoff Bewertung Hinweis
Kollagen ❌ Hype ohne Wirkung Molekül zu groß
Niacinamid ✅ Wirkt wirklich Sehr gut belegt
Stammzellen ❌ Hype ohne Wirkung Nur Pflanzenextrakt
Hyaluronsäure ✅ Wirkt wirklich Molekülgröße entscheidend
Probiotika/Präbiotika ❌ Hype ohne Wirkung Nicht klinisch belegt
Bakuchiol ✅ Wirkt wirklich Klinisch belegt
NAD+ ❌ Hype ohne Wirkung Molekül zu groß
Ceramide ✅ Wirkt wirklich Stärkt Barrierefunktion

 

Merke: Die Kosmetikindustrie ist kreativ — in der Namensgebung mindestens so sehr wie in der Forschung. Ein hoher Preis ist kein Qualitätsmerkmal, und ein klingender Name kein Wirksamkeitsnachweis 😏.

Literatur

[1] R.K. Chaudhuri, K. Bojanowski. Int J Cos Sci (2014), 1 - 10. DOI: 10.1111/ics.12117

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